Die Wissenschaft ist unser Weg zur Wahrheit. In unserer westlichen Gesellschaft verehren wir sie. Sie ist Sinnbild für das Rationale. Wir Menschen sehen uns als rationale Wesen und wir haben für unsere Handlungen immer eine logische Erklärung. Das fühlt sich gut an, denn wir haben dann Kontrolle über uns. Außerdem grenzen wir uns damit von den „dummen“ anderen Tieren ab, die ja nur instinktiv handeln. Aber trotzdem kommt es vor, dass man sich fragt: “warum habe ich das eigentlich gemacht?” Oder man blickt verwundert auf die anderen Menschen-affen, auf was die so alles treiben. Sie sagen das eine und tun das andere. Fragt man sie warum, dann kommen Antworten wie: “Das war so im Affekt“. Wir handeln also rational und auch emotional – aus dem Bauch heraus.Aber, wer ist der Herrscher unseres Handelns, die Gefühle oder der Verstand?

kurze Antwort:

Menschen sind Tiere, deren Handeln durch ein einfaches Prinzip bestimmt wird. Reiz – Reaktion im Körper – Handlung – Feedback. Unsere unterbewussten Gefühle steuern uns zu großen Teilen automatisch (manche sagen bis zu 80%). Wir handeln fast mechanisch nach immer gleichen Mustern. Unser Verstand beeinflusst auch die automatischen Handlungen, indem er den Kontext berücksichtigt. Aber nur in sehr wichtigen Fällen überbrückt der Verstand den Automatismus und ermöglicht uns bewusst zu handeln. Weil das so energieaufwändig ist, kommt es nur selten vor (20% der Fälle). Jedoch braucht der Verstand immer eine Emotion, um auch ein Ziel für seine Aktivität zu haben. Ohne Emotion kann der Verstand keine gute Entscheidung treffen. Die Emotionen weisen den Weg, der Verstand räumt Hindernisse beiseite. Wir sind organische, gefühlsgesteuerte Automaten mit einem rationalen, bewussten Add-on.

Zitat, Daniel Kahnemann, “thinking, fast and slow”:

„System 2 (das Denken) ist wie eine Nebenrolle in einem Film, die glaubt die Hauptrolle zu spielen. Dabei werden die Entscheidungen, die System 2 glaubt selber getroffen zu haben, von System 1 (der Automat) bestimmt. System 2 hat eine sehr aufwändige Aufgabe und ist daher sehr faul. Es bleibt lieber inaktiv, außer es ist unbedingt notwendig.

Warum tun wir eigentlich was wir tun? – ausführlich

Jedes Tier ist ein System

Angenommen das das große Ziel allen Lebens ist sehr einfach: Wir wollen überleben und uns fortpflanzen (https://vortragshelden.de/2019/07/04/frauen-wollen-geld-und-maenner-sex/). Dazu brauche wir Wasser, Nahrung und Unterkunft zum Überleben. Zur Fortpflanzung brauchen wir einen anderen Menschen anderen Geschlechts. Diese „Ressourcen“ sind nur in begrenzter Anzahl vorhanden. Der Mensch muss also abwägen, wann er loszieht nach diesen Ressourcen zu suchen, und wann er lieber ruht und nichts tut.

Der Mensch als System wird dann aktiv, wenn er ein Defizit spürt.
Nach dem Test-operate-test-Exit Prinzip.
Test: „was ist los hier? Alles ok? – nein, wir haben zu wenig Nahrung an Bord
Operate: „ auf zur Jagd“
Test: „Was ist los hier? Alles ok? „ja, genug Nahrung an Bord“
Exit: „Aktivität einstellen“.
Also egal ob ein einfaches Thermostat an der Heizung oder ein komplexes System wie der Mensch – es geht im Grunde darum Defizite zu begleichen.

Da wir komplexe Systeme sind, die in einer komplexen Umwelt leben, bieten sich uns unendliche Handlungsoptionen um unsere Defizite auszugleichen. Wir könnten…Das Mammut erlegen, vor dem Säbelzahntiger wegrennen, süße Beeren essen, Fliegenpilze meiden, Sex mit anderen Menschen haben und vermeiden aus der Gruppe raus geschmissen zu werden. Ganz schön viel. Wir müssen also das Richtige tun und das Falsche vermeiden. Und woher wissen wir, wie schnell wir rennen, wie viel wir essen und was wir für die Gruppe tun sollen? Also woher wissen wir in welcher Intensität wir die Dinge tun sollen? Unser Gehirn berechnet es. Dabei geht es nach einem einfachen Schema vor:

Reiz- Informationsübertragung – Verarbeitung – Handlung – Feedback (Belohnung/Bestrafung).

Reiz: Ein Sensor des Körpers wird aktiviert und sendet ein Signal. Drucksensoren, Chemosensoren, Photosensoren, Thermosensoren, Nozizeptoren (Schmerz), Propriozeptoren (Eigenwahrnehmung).

Übertragung: über elektrische oder chemische Signale werden die Informationen vom Sensor zum Gehirn übertragen.

Verarbeitung: Im Gehirn passieren die Signale viele unterschiedliche Gehirnregionen, jede mit einer bestimmten Funktion. Die Nervenzellen verändern das Signal und in der Summe wird daraus eine Reaktion des Körpers errechnet.

Handlung: Die Reaktion wird umgesetzt. Haare werden aufgestellt, Worte gesprochen, es wird angegriffen oder fortgerannt, gegessen, eine Zigarette geraucht, Geknutscht, Geboxt, eine Lobesrede oder ein provokanter Witz geschrieben. Unsere Handlungsoptionen sind vielfältig.

Feedback: Auf viele Handlungen, aber nicht alle!, folgt ein weiterer Reiz. Eine Rückkopplung. Folgt auf eine Handlung immer wieder ein positiver Reiz, z.B. ein Dopamin Kick als Belohnung, wird diese Handlungsschleife verstärkt ausgeführt. Folgt darauf ein negativer Reiz, z.B. intensiver Schmerz als Bestrafung, wird diese Handlungsschleife vermieden. Daher suchen wir Belohnungen und vermeiden Schmerz.

Zusammengefasst ist der Mensch ein System, das im Verlauf seiner Existenz immer wieder Defizite ausgleichen muss. Dazu wird es aktiv. Die Richtung und das Ausmaß dieser Aktivität wird vom Gehirn auf Basis der eintreffenden Informationen errechnet. Sobald ein Defizit behoben ist, wird die entsprechende Handlung eingestellt. Kurzum, wir handeln nur, wenn es uns nötig erscheint.

Im Gehirn wird’s entschieden

So einfach sind wir dann natürlich auch wieder nicht. Im Gegenteil wir sind hochkomplex und stehen auch noch im Austausch mit anderen komplexen Systemen (Mitmenschen). Als soziale Tiere ist die Gruppe die Bühne auf der das Drama unseres Lebens stattfindet (girls want sex). Was tun wir denn nun konkret um Überleben und Fortpflanzung zu sichern? Wir suchen Sicherheit, Stimulanz, Dominanz über die Gruppe und Sex. Die Hirnforschung geht momentan davon aus, dass es dazu passende Systeme im Gehirn gibt, die unser Verhalten steuern.

  • Stimulanz: baut ein kontinuierliches Defizit auf, um uns auf die Suche nach „neuem“ zu machen. Das war für unsere Vorfahren von sehr großem Wert, weil es uns dazu trieb die Gegend zu erkundschaften, neue Werkzeuge zu testen u.v.m. Noch heute treibt uns dieses System an, Grenzen zu durchbrechen.
  • Dominanz: wir leben in hierarchischen Gruppen (girls want sex). Dieses System lenkt unser Verhalten den anderen gegenüber – wollen wir bestimmen oder reicht es uns ein „follower“ zu sein?
  • Sicherheit: Lieber Arm dran, als Arm ab. Verluste wiegen schwerer als Gewinne.
  • Sex: ohne Sex, keine Fortpflanzung. Aber der Sexualtrieb ist weniger wie Hunger oder Durst, sondern mehr wie die Neugier. Überleben kommt zuerst, dann kommt Sex.

Jedes Individuum prägt diese Systeme unterschiedlich stark aus.

Kampf im Gehirn

Die Systeme stehen auch im Konflikt miteinander. Wer gleichzeitig ein stark ausgeprägtes Dominanz- und Sicherheitssystem hat, wird regelhaft in den Konflikt kommen: den anderen boxen und aufsteigen oder wegrennen und im Rang absinken…beides doof! Daher kennt jeder auch das zerrissene Gefühl, die Entscheidungsschwierigkeiten. Es gibt tatsächlich einen Konflikt zwischen emotionalen Systemen. Unsere Handlungen sollen unsere Bedürfnisse nach Sicherheit, Stimulanz, Dominanz und Sex befriedigen.

In den verschiedenen Systemen des Gehirns haben sich bestimmte Schwellenwerte (SOLL) etabliert, die einzuhalten sind. Z.B. könnte das Stimulanz-System einen täglichen Reiz durch Nachrichten oder social Media news gebrauchen. Sobald der tatsächliche (IST) Zustand davon abweicht, werden Signale kreiert, die den Körper zum Handeln bringen, mit dem Ziel die Soll-Werte wiederherzustellen. Wir sind Systeme, die nur aktiv werden, um gefühlte Defizite zu beheben

Meinung des Autors: Wenn es wahr ist, dass wir nur aktiv werden, um Defizite zu begleichen – und aus meiner Sicht deutet vieles darauf hin – dann sind wir evolutionäre nicht dazu fähig, das Gefühl des „Glücks“ aufrecht zu erhalten. Im Gegenteil, wir sind Tiere der Unzufriedenheit.

Jeder Mensch hat eine individuelle Matrize, entstanden aus genetischem und umweltbasiertem Einfluss, die bestimmt was er für Bedürfnisse hat. Das ist die Blaupause nach der unser Gehirn Entscheidungen trifft. Quasi die große, komplizierte Checkliste, mit der unser Gehirn bestimmt, was es in welcher Situation zu tun hat. Diese Matrize wird in den ersten drei Lebensjahren permanent geprägt, behält aber eine gewisse Fluidität. Denn jede Umgebung oder Erfahrung, die wir im Leben machen, prägen uns weiter, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Im Alltag sorgt diese Matrize dafür, dass wir viele Verhaltensmuster kontinuierlich wiederholen.

Gefühle und Emotionen – der Unterschied

Wie erteilt das Gehirn nun seine Befehle? Oder anders, wie übersetzt das Gehirn die errechnete Reaktion in die Tat? Für die Antwort, lasst uns über Gefühle reden. Und auch über Emotionen. Die Wissenschaftler unterscheiden nämlich im Sprachgebrauch zwischen Emotionen und Gefühlen. Der wissenschaftliche Konsens ist, dass „Emotionen“ die körperliche Reaktion auf einen Reiz, und Gefühle die errechnete, geistige Darstellung deren sind. Als Beispiel: Das Herz klopft schnell, der Mund wird etwas trocken, im Brustkorb spüren wir Spannung, die Handflächen schwitzen. Das ist eine Emotion. Emotionen sind automatische, körperliche Reaktionen, die vom ursprünglichsten Teil des Gehirns ausgelöst werden.

Die primären Emotionen sind angeborene Grundgefühle und benötigen keine kognitive Verarbeitung. Wir könnten auch sagen, es sind universelle Emotionen, die schon unsere „asozialen“ Vorfahren hatten, die nicht in einer Gruppe lebten. Und wie viele Emotionen gibt es? Anscheinend sind es nicht so viele. Über die genaue Anzahl und Differenzierung lässt sich natürlich streiten. Verschiedene Wissenschaftler haben unterschiedliche Methoden benutzt, um sie zu bestimmen. Der eine (Sylvan Tomkins) hat z.B. kulturell universelle Gesichtsausdrücke untersucht. Der andere (Jaak Panksepp) dagegen hat Gehirnströme gemessen. Für den Zweck dieses Artikels habe ich eine Synthese vorgenommen.

Basis Emotionen/einfache Gefühle

Emotion Auslöser Ziel
Zorn Gefahr/Schmerz Sicherheit durch Kampf
Furcht Gefahr/Schmerz Sicherheit durch Flucht
Ekel Gefahr durch ungenießbare Nahrung Sicherheit durch Vermeidung/Erbrechen
Freude Defizit ausgeglichen (Hunger, Durst, sexuelle Erregung etc.) Verstärkung des Verhaltens
Neugier Eine Wahrnehmung passt nicht in bekannte Schemata. Neue Ressourcen entdecken, die Welt verstehen
Überraschung Unerwartetes Ereignis Mobilisierung von Ressourcen zur Einschätzung der Situation

Diese Emotionen sind universell, weil sie unabhängig von der Kultur und sogar über verschiedene Spezies hinweg auftauchen. Angst z.B. zeigt sich bei allen Menschen in gleicher körperlicher Reaktion. Emotionen, die uns unmittelbar zum Handeln treiben werden auch Affekte genannt. Längerfristige Emotionen, die unser Erleben ohne klaren Reiz tönen, nennt man Stimmungen.

Das Denken mischt ordentlich mit

Aber wir können doch so viel mehr fühlen. Richtig, und hier kommt der Neocortex bzw. das höhere Denken ins Spiel. Wir können nur mit Hilfe anderer Menschen überleben und daher ist unsere Gefühlswelt perfekt auf das Leben in der Gruppe adaptiert. Dieses Leben ist sehr komplex. Wir benötigen viel mehr Freiheit im Verhalten als z.B. eine Fliege. Mit Hilfe unseres Verstandes entstehen aus den Basisgefühlen die vielfältigen Gefühle, die spezifisch sind für Interaktion Mensch-Mensch. Als Vergleich können wir die Farbpalette nehmen. Die Grundemotionen sind rot, gelb, blau und die Gefühle sind die riesige Farbpalette mit grün, pink, lila, orange etc. Der Verstand mischt die Grundemotionen, um die komplexen Gefühle zu erschaffen. Wofür? Um das Verhalten im sozialen Kontext zu blocken oder zu fördern.

Das Gefühl von Herzklopfen und schwitzenden Händen, könnten wir als Angst beschreiben, wenn wir z.B. von einem Fremden mit einer Pistole mitten in der Nacht bedroht werden. Die gleiche Emotion könnte auch sexuelle Anziehung sein, wenn ich einer sehr gut aussehenden Frau im engen Kleid gegenüberstehe und gerade nicht weiß was ich sagen soll. Die gleiche Emotion kann also in verschiedenen Situationen als unterschiedliche Gefühle interpretiert werden. Der Verstand „beobachtet“ welche Emotionen automatisch ausgelöst werden („somato sensing“ = Körper spüren) und interpretiert diese mit Hilfe des Kontextes. Unsere Gefühle werten verschiedene Kontexte mit Hilfe der Emotionen.

„Wir zittern nicht, weil wir uns fürchten, sondern wir fürchten uns, weil wir zittern.“

Soziale Tiere – sehr komplexe Gefühle

Während die Basisemotionen schon bei Säuglingen beobachtet werden können, tauchen die komplexeren erst später auf und werden durch Erziehung, die Kultur und die individuelle Erfahrung geprägt. ZB auch wenn wir das gleiche Wort für Liebe nutzen, mag es für den einen ein Gefühl des Besitzanspruchs sein, für den anderen ein Gefühl des „Kümmern wollens“. Auch erlernen wir die Regeln der Darbietung. Wann darf eine Emotion oder ein Gefühl in welcher Intensität gezeigt werden? Wir haben alle gelernt, dass man auf einer Beerdigung in Deutschland nicht lacht, sondern ernst schaut. Und vielleicht auch weint. Diese Normen sind zwischen, und teilweise sogar innerhalb von, Kulturen unterschiedlich. In Mexiko werden Totenfeste zelebriert. Wir halten fest: Die komplexen Gefühle sind erlernt.

Einige Komplexe Gefühle: Sympathie, Stolz, Scham, Dankbarkeit, Liebe, Hass, Mitleid, Bewunderung, Neid, Eifersucht, Verachtung, Trauer, Wut, Scham (kommt relativ spät im Leben), Langeweile

Der Verstand erschafft also komplexe Gefühle, aber es geht auch andersrum. Wer kennt es nicht: man denkt an einen Menschen, der einen sehr schlecht behandelt hat und spürt sofort den Puls rasen. Man denkt an eine bevorstehende Prüfung und bekommt Angst. Oder schon die Aussicht einen geliebten Menschen bald wieder zu sehen, führt zur Ausschüttung von Endorphinen. Der Verstand kann Emotionen, also echte körperliche Reaktionen, auch auslösen. Emotionen erschaffen Gedanken und Gedanken erschaffen Emotionen. Oder anders, Wir denken unsere Gefühle und spüren unsere Gedanken.

Zusammengefasst, beeinflussen Emotionen und Gefühle die Richtung des Verhaltens. Das ist abhängig vom Kontext und außerdem vom Individuum, also dessen Zustand und Erfahrungen. Positive Emotionen verstärken und negative hemmen Verhalten. Kurz gesagt, Emotionen und Gefühle bringen uns zum Handeln.

Autopilot an – Denken aus

In jedem Moment prasseln unzählige Reize von außen und innen auf unser Gehirn ein. Wie kann es entscheiden was es tun soll? Wie können wir effektiv und effizient im Alltag handeln? Wir können und zwei Systeme vorstellen, die zusammen sehr effizient arbeiten. System 1, Der Automatismus. Dieses arbeitet ohne mentalen Aufwand, schnell und ohne das Gefühl Kontrolle über die Handlung zu haben. Und System 2. Das bewusste Selbst. Damit identifizieren wir uns gerne, denn dieses System macht bewusste Entscheidungen. Laut Daniel Kahnemann arbeiten die beiden Systeme folgendermaßen.

Wir sind wach und beide Systeme sind aktiv, System 1 kontinuierlich und System 2 eher auf „stand-by“. System 1 hat einige Routinen, Checklisten, Ablaufpläne in den Schubladen und produziert ständig Eindrücke und Handlungsvorschläge, welche es an System 2 sendet. So lange es keine Probleme gibt, übernimmt System 2 gerne die Vorschläge von System 1. Dazu lässt es sich dann eine passende Geschichte einfallen, warum der Vorschlag von System 1 gut ist. Das nennt man dann Rationalisierung. Gibt es aber Situationen, die nicht in die Schemata von System 1 passen, zB eine bellende Katze, dann schält sich System 2 ein. Und wenn System 2 aktiv ist, und genügend Aufmerksamkeit aufbringen kann, dann hat es die absolute Kontrolle. System 1 ist das Pferd, System 2 ist der Reiter.

Die Tragweite dieser Umstände können wir kaum unterschätzen. Emotionen entstehen also nicht nur „spontan“ in uns, sondern wir werden auch noch zu 80% der Zeit durch einen Autopiloten gesteuert.

Gefühle und die Gruppe

„Ich habe es ihr angesehen, dass Sie enttäuscht war.“ „Er war sichtlich stolz auf seinen Erfolg.“ „Sie hat gestrahlt, die Freude war ihr ins Gesicht geschrieben.“ „Plötzlich wurde sein Gesicht zu Stein“. Aussagen in dieser Art, hat jeder von uns schon gehört oder geäußert. Im Alltag erleben wir es täglich: Unsere Emotionen und Gefühle sind für andere leicht erkennbar. Aber warum eigentlich?

In der Natur finden wir immer wieder die gleichen, bewährten Konzepte. Folgende Szenerie: Eine Hochebene mit saftigem gras. Eine Herde Pferde labt sich in der Sonne daran. Plötzlich schreckt eines der Pferde hoch und startet durch. Sekunden später ist die gesamte Herde im Fluchtmodus und galoppiert um ihr Leben. Ein Pferd wurde aufgeschreckt und hat reagiert: Flucht! Die anderen Pferde prüfen nicht erst, ob es wirklich eine Gefahr gibt, sondern flüchten auch – es geht vielleicht um entscheidende Sekunden. Dieses Verhalten hat sich evolutionär bewährt. Ansteckendes Verhalten sehen wir bei den meisten Tieren, die in Herden und Gruppen organisiert sind.

In brenzligen Situationen muss es also schnell gehen. Keine Zeit für Diskussionen. Es braucht unmittelbare Koordination. Deshalb haben auch Menschen eine automatische, schnelle und effektive Kommunikation. Es ist das offene Darstellen von Emotionen und Gefühlen. Wir alle haben schon erlebt, dass diese Kommunikation automatisch stattfindet. Es fällt uns doch so schwer unsere Gefühle und Emotionen NICHT zu zeigen. Oft erkennen wir in anderen Gesichtern sofort, was die Person fühlt. Nein, nicht immer bewusst. Aber wir haben da so „ein Gefühl“. Forscher haben längst sogenannte Mikroexpressionen in menschlichen Gesichtern ausgemacht, superkurze und unscheinbare Mimik, die wir unterbewusst wahrnehmen. Das ist nicht auf die Gesichter beschränkt. Aufrecht oder zusammengesunken stehen, Arme hoch oder runter, Hände offen und geschlossen – wir kennen unzählige Signale des Körpers. Ja, wir kommunizieren über den gesamten Körper. Immer.

Empathie = Effizienz

Es geht sogar noch weiter. Wir können die Gefühle anderer nicht nur wahrnehmen, sondern wir fühlen sie auch. Wir spüren, was andere spüren. Oder besser gesagt, die Anzeichen eines Gefühls im anderen, können in uns genau dieses Gefühl auslösen (siehe Spiegelneuronen). Das herzhafte Lachen, gepaart mit dem Ausdruck eines stolzen Gewinners, Siegesrufe, eine aufrechte Körperhaltung und die Hände gen Himmel gestreckt – dann spüren wir auch die Siegesfreude in uns. Selbst als Zuschauer. Es ist ein Allgemeinwissen, dass Gefühle ansteckend sind. Nur so kann diese automatische Kommunikation überhaupt funktionieren. So werden der Einzelne und die Gruppe gleichzeitig von Emotionen und Gefühlen gesteuert.

Sie sagen jetzt: „Halt, ich kenn da jemanden, der super lügen, der seine Gefühle verstecken und sogar vortäuschen kann. Schauspieler verdienen schließlich mit „fake-feelings“ ihren Lebensunterhalt. Man munkelt, da kann man sogar Millionen verdienen. Ja, wir können die Darstellung unserer Gefühle steuern. Ja, wir können die automatische, gefühlbasierte Kommunikation auch nutzen um andere Menschen bewusst zu beeinflussen. Wer Emotionen und Gefühle in sich auslösen kann, also wirklich und echt fühlt, bewirkt in seinen Mitmenschen eine Reaktion. Und weil diese Art Kommunikation so wirksam ist, findet, wie könnte es anders sein, ein Wettkampf statt. Wer kann seine Emotionen und Gefühle am besten steuern und verbergen? Glauben sie nicht? Wer hat nicht schon mal ein Lächeln aufgesetzt, um die Chefin von der dringend nötigen Beförderung zu überzeugen. Oder hat seine Wut über den Zustand der Wohnung absichtlich im Streit abgelassen, um den Mitbewohner etwas einzuschüchtern. Jeder tut es. Und jeder versucht andere zu überführen. Unsere Gefühlswelt ist die Bühne unzähliger Intrigen und Machtspiele.

Ich komm’ mit meinen Gefühlen nicht klar!

Manches hört sich in der Theorie so einfach an, ist in der Praxis aber kompliziert. Stehen wir nicht oft vor der Frage, wie wir mit unserer eigenen Gefühlswelt klarkommen? Ich habe dazu die finale Antwort NICHT. Aber ich habe dazu eine Meinung. Sollten meine Ausführungen stimmen, dann können wir nie in Gänze rational verstehen, warum wir etwas tun. Jeder kennt die beklemmende Situation, wenn man Mist gebaut hat und gefragt wird: „Warum hast Du das gemacht?!“. Oft stammeln wir schulterzuckend nur ein entschuldigendes „Wüsste ich auch gern!“. Vielleicht können wir nur versuchen das Tier in uns immer besser, und immer wieder, kennen zu lernen. Wie bei einem geliebten Haustier versuchen seine Wünsche vorherzusagen. Und natürlich zu wissen in welchen Situationen man es lieber ankettet. Und wann man es springen lassen muss, damit es ihm gut geht. Auch etwas Feedback von Außenstehenden kann helfen indem man fragt: „Was mach ich gerne? Was bringt mich auf die Palme? Womit würdest Du mich belohnen?“. Hört sich komisch an, aber Außenstehende haben da ein erstaunlich gutes Auge für. Probieren Sie es aus und reden Sie über sich in der dritten Person.

Tipp vom Autor: Gefühle benennen hilft, sie zu erkennen, und zu steuern. Je treffender das Wort, desto größer der Effekt. Das gilt für eigene, aber auch für die Gefühle anderer. Die Gefühle anderer treffend zu benennen ist Empathie.

Jeder macht mal Fehler. Aber manche möchte man nie wieder machen. Manches Verhalten will man ein für alle Mal loswerden. Entgegen der gängigen Ansichten, man müsse es nur stark genug wollen und mit Willenskraft dagegen arbeiten, empfehle ich das Gegenteil. Um Verhalten zu verändern muss man das innere Tier, den inneren Affen, sehr gut kennen. Dann kann man Strategien entwickeln, wie man mit ihm sinnvoll umgeht. James Clear beschreibt in seinem Buch „Atomic habits“ sehr detailliert, wie man hierbei vorgeht. Empfehlung! (Link zu Amazon) An dieser Stelle will ich nur eines festhalten: Emotionen und Gefühle sollen uns auf ein Defizit oder mögliche Belohnung hinweisen, welches wir mit Handeln beheben bzw. erreichen können. Oder wir können sie auch als Signal auffassen, unsere Gedanken und Werte zu überprüfen. Ohne Gefühle, keine Handlungen. Wir brauchen Gefühle. Alle. Also egal was wir tun, auf keinen Fall sollten wir uns für unser Gefühlsleben verurteilen, sondern es für unseren Vorteil nutzen.

Zusammengefasst:

Menschen sind Tiere, deren Handeln durch ein einfaches Prinzip bestimmt wird. Reiz – Reaktion im Körper – Handlung – Feedback. Unsere unterbewussten Gefühle steuern uns zu großen Teilen automatisch (manche sagen bis zu 80%). Wir handeln fast mechanisch nach immer gleichen Mustern. Unser Verstand beeinflusst auch die automatischen Handlungen, indem er den Kontext berücksichtigt. Aber nur in sehr wichtigen Fällen überbrückt der Verstand den Automatismus und ermöglicht uns bewusst zu handeln. Weil das so energieaufwändig ist, kommt es nur selten vor (20% der Fälle). Jedoch braucht der Verstand immer eine Emotion, um auch ein Ziel für seine Aktivität zu haben. Ohne Emotion kann der Verstand keine gute Entscheidung treffen. Die Emotionen weisen den Weg, der Verstand räumt Hindernisse beiseite. Wir sind organische, gefühlsgesteuerte Automaten mit einem rationalen, bewussten Add-on.

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